Vom Winde verwehte Teeblättchen
Die Geschichte von der Entwicklung des Tees ist alt. Dementsprechend ranken sich darum allerhand Sagen und Legenden, von denen einige mehr, andere weniger wahr sein können. Heute noch ist man sich uneinig darüber, ob die Teekultur in Japan, Indien oder China ihren Ursprung hat.
Kleine Geschichte vom Schwarztee
Der chinesische Kaiser Shen-Nung, der wegen seiner Tapferkeit von Feinden gefürchtet und von seinen Untertanen aufgrund seiner Güte verehrt wurde, pflegte am Morgen nur gekochtes Wasser zu trinken. Als er aber eines Tages vor rund 5000 Jahren ein paar vom Wind verwehte Teeblättchen darin entdeckte und zögernd davon kostete, wollte er fortan kein pures Wasser mehr zu sich nehmen. So erzählt uns eine der Legenden aus China.
Eine japanische Legende weiß von einem buddhistischen Mönch namens Daruna oder auch Bodhidharma zu berichten. Erbost über den Schlaf, der ihn beim Meditieren zu überwältigen drohte, soll er sich beide Augenlider abgeschnitten haben. Nachdem er diese vor sich auf den Boden geworfen hatte, seien an der Stelle zwei Teesträucher gewachsen. Als der Mönch davon gekostet hatte, habe er sich derart erfrischt gefühlt, dass er von nun an stundenlang vor sich hinsinnen konnte, ohne einzuschlafen.
Es ließen sich noch viele derlei mündlich überlieferter Teegeschichten erzählen - mehr oder weniger glaubwürdige. Die erste schriftliche Aufzeichnung des chinesischen Gelehrten Lu-Yu über das legendäre Kraut aus dem Reich der Mitte und die Art seiner zeremoniellen Zubereitung stammt aus dem Jahre 780 nach Christi. Dem größten Teekenner seiner Zeit und Schutzpatron der Teehändler ist die Verbreitung des Tees zumindest in China zu verdanken. Er schuf mit seinem dreibändigen Werk Chá-Ching sozusagen ein "Gesetzbuch des Tees". Außer Salz lehnte er alle Zugaben zum Tee ab. Weder Reis noch Gewürze, Milch, Fett oder Zwiebeln erlaubte der Meister. Auch in Japan kannte man den Tee bereits im ersten Jahrtausend. Schon 729 n. Chr. bot Kaiser Shomu seinen Gästen das edle Getränk an. Und der japanische Reisende Eizai-zenjis brachte es während der Sung-Periode (960-1280) aus China mit nach Japan. Seither wird einer der besten Tees der Welt in der Gegend des Tempel-Heiligtums Kyoto angepflanzt.
Die japanische Teezeremonie und der Weg nach Europa
Arbeiter bei der Teernte
Außer Japan gibt es kein Land, in dem das Teetrinken heute noch einen derart hohen Stellenwert im Alltagsleben einnimmt. Vor allem die japanische Tee-Zeremonie (Chá-no-yu), die uns überliefert ist, ist Ausdruck der engen Verbindung zwischen Tee und japanischer Lebensart. Dafür baute im sechzehnten Jahrhundert der große Teemeister Sen-no-Soyekis oder Rikyu (1522-1591) den ersten freistehenden Teeraum, die Sukiya. Er besteht aus einem zentralen Raum zur Einnahme des Tees, dem Vorraum (Mizuya), der Vorhalle (Machiai) und dem Gartenpfad (Roji), welcher Vorhalle und Teeraum verbindet. "Viereinhalb Matten, zehn Fuß im Quadrat" ist die genormte Größe der Sukiya. Architektonisch beeinflusst ist der Teeraum von den Kapellen der Zen-Klöster. Wie sie soll auch er ein Ort des Studiums, der Diskussion und Meditation sein.
Bevor der Tee jedoch im Westen populär wurde, sollten noch einige Jahrhunderte vergehen. Um das Jahr 900 brachte ein arabischer Handelsreisender zum ersten Mal die Kunde vom bisher unbekannten China-Getränk nach Europa. Der bekannte venezianische Kaufmann Marco Polo (1254-1323) soll seinen Zeitgenossen von der Absetzung eines chinesischen Finanzministers infolge einer übertriebenen Erhöhung der Teesteuer im Jahre 1285 berichtet haben. Allerdings findet sich in seinen Büchern keine Stelle, die dies auch nur annähernd belegen könnte. Eindeutig hingegen ist die Erwähnung des Tees in einem Brief eines portugiesischen Missionars aus dem Jahre 1565. Er schreibt: "Der Tee ist viel besser als jede Form von Alkohol. Das Wasser sollte nur so lange auf dem Tee bleiben, als unsere Brüder das Miserere beten."
Vom Heilmittel zum beliebten Alltagsgetränk
Szenen auf einer Teeplantage
Aber erst 1610 traf an Bord eines Schiffes der Holland-Ostinidien-Kompanie die erste Teeladung aus Macao/China in Europa ein. Dem Schaum von flüssiger Jade, wie Dichter den Tee mitunter umschrieben, wurden allerlei medizinische Qualitäten nachgesagt. Vielleicht war es daher auch vor allem seine verdauungsfördernde Eigenschaft, die den Leibarzt August des Starken (1670-1733) dazu veranlasste, den Konsum von 200 Tassen Tee pro Tag bedenkenlos zu empfehlen. Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde die Heilwirkung des Tees in den Vordergrund gestellt. Über Holland, wo sich Tee schnell zum beliebtesten Getränk aller Bevölkerungsschichten entwickelte, gelangte das Exoticum Mitte des 17. Jahrhunderts an den Hof Ludwigs XIV. Der von der Gicht geplagte Sonnenkönig erhoffte sich von dem bernsteinfarbenen Trank Linderung seiner Leiden. Szenen auf einer Teeplantage Er hatte erfahren, dass derartige Gebrechen weder in China noch in Japan bekannt waren.
Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn der Tee bei der französischen Hofgesellschaft rasch Anklang gefunden hat. Allerdings wohl nicht uneingeschränkt. Denn die deutschstämmige Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, eine Schwägerin Ludwigs XIV., schrieb darüber: "Thee kombt mir vor wie Heu und Mist, mon Dieu ..." - was vorerst auch stellvertretend für die Beurteilung des Tees im deutschsprachigen Raum angesehen werden darf. Hier gehörte Tee erst im Biedermeier zum guten Ton in den Salons. Später konnte sich in Ostfriesland sogar eine eigene Teekultur entwickeln. Etwa um 1670 bemächtigte sich die wenige Jahre zuvor gegründete British East India Company aufgrund umfangreicher britischer Kolonien des ersten Tee-Monopols.
Tee wird zum britischen Nationalgetränk
Sogar wenn Skeptiker wie Henry Saville und Jonas Hanway kein gutes Haar an dem fernöstlichen Kraut ließen - "Die Männer verlieren durch seinen Genuss die Gestalt und Wohlbildung, die Frauen ihre Schönheit ...", proklamierte zum Beispiel Hanway in seinem "Essay on Tea" 1765 -, konnten sie den Aufstieg des exotischen Aufgusses zum britischen Nationalgetränk nicht aufhalten. Zunächst noch in Kaffeehäusern dargeboten, wurde er später in ausgewiesenen Teehäusern mit dünnem Brot und Butter eingenommen. Aber auch in so genannten Teegärten genoss man das außergewöhnliche Getränk. Eine der bekanntesten Anlagen dieser Art war zweifellos Vauxhall in London. Mit seinen verschlungenen Pfaden, Wasserspielen, Sträuchern und versteckten Lauben bot es die gewünschte Ruhe beim Teegenuss.
Auch heute noch ist England bezüglich des Teekonsums in Europa die Tee-Nation par excellance. Der englische Schriftsteller Samuel Johnson (1704-1784) soll das wohl immer noch zutreffende Charakteristikum eines englischen Teetrinkers geprägt haben: "Ich bin ein hartgesottener, schamloser Teetrinker, der sich mit Tee den Abend verschönert, beim Tee um Mitternacht Trost sucht und mit Tee den Morgen begrüßt."
Moderne Teekultur
Heutzutage ist Tee eines der beliebtesten Getränke der Welt. Die Sortenvielfalt ist groß und damit für jeden Geschmack etwas dabei. Die Palette reicht von klassischen nordindischer Darjeelings oder Assams, über südindische Tees aus den Nilgiri Blue Mountains. Auch chinesische Schwarztees werden hochgeschätzt und im Bereich der Grünen Tees befinden sich vor allem China, Japan und Indonesien in der Vorreiterrolle. Die Trends geben vor allem Weißem und auch Gelbem Tee gute Chancen. Früchtetee, Rooibostee und Kräutertee - wohlgemerkt im engeren Sinne kein "Tee", da diese "Infusionen" keine Blätter der Pflanze "Thea Sinensis" enthalten - tragen heutzutage ebenfalls einen nicht mehr wegzudenkenen Beitrag zum Teegenuss. In welcher Form auch immer Sie Tee genießen möchten, Ihnen steht jede Freiheit offen. Tatsache ist, Tee ist ein sehr gesundes Getränk, da es ein Naturprodukt ist und je nach Sorte verschiedenste wertvolle Bestandteile enthält.
Schon Tien Yi-heng wusste, "Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst..." - in diesem Sinne, genießen Sie jede Tasse Tee und gönnen Sie sich damit etwas Zeit und Ruhe im Alltag.
Lesen Sie auch passende Artikel dazu im "Teeblatt online":
- "Nilgiri – die blauen Berge" in der Ausgabe Winter 1999/2000
- "Teepioniere" in der Ausgabe Frühjahr 2000
- "Teegarten Steinthal" in der Ausgabe Herbst 2002
- "Tee-Auktion in Kalkutta" in der Ausgabe Sommer 2003
- "High or Low Tea" in der Ausgabe Frühjahr 2006
- "Kalkutta - Mokalbari und zurück" in der Ausgabe Winter 2003/2004
- "Black & White" in der Ausgabe Sommer 2006
- "Die indischen Wurzeln des Tees" in der Ausgabe Frühjahr 2007
|